Die Geschichte der Familie Silberberg ist eine tragische Erzählung von Verlust, Flucht und dem unermüdlichen Streben nach Gerechtigkeit. Gerta Silberberg, die nach ihrer Flucht vor dem NS-Terror in England lebte, setzte sich für die Restitution von Kunstwerken aus der Sammlung ihrer Schwiegereltern ein. Eines der bedeutendsten Werke, das sie einforderte, ist das Gemälde „La Sultane“ von Édouard Manet, das einst im Besitz der Familie Silberberg war und jetzt in der Sammlung Emil Bührle im Kunsthaus Zürich ausgestellt wird. Diese Ausstellung, die am 3. November 2026 eröffnet wurde, bringt nicht nur das Werk zur Geltung, sondern thematisiert auch die dunkle Geschichte, die hinter dem Erwerb der Sammlung steht.

Neuruppin, die Heimat von Max Silberberg, einem jüdischen Unternehmer und Kunstsammler, ist mit Stolpersteinen für jüdische Bürger gesäumt, die an die Verfolgung und die Verluste der Vergangenheit erinnern. Max und seine Frau Johanna blieben während des Krieges in Breslau, wo sie schließlich deportiert und vermutlich 1942 im KZ Auschwitz ermordet wurden. Ihre Geschichte wird durch eine Hinweistafel gewürdigt, die Ende Februar 2026 eingeweiht wurde, begleitet von einer Ausstellung und musikalischen Darbietungen. Die Initiatoren dieser Tafel, Johannes Bunk und Günter Hommel, haben das Leben von Max Silberberg sowie seiner Kunstsammlung intensiv erforscht.

Die Herausforderungen der Restitution

Die Bemühungen von Alfred und Gerta Silberberg um die Rückforderung ihrer erlittenen Verluste sind von zahlreichen Herausforderungen geprägt. Gerta gab 1939 die Silbersachen ihrer Schwiegereltern im Pfandleihamt in Breslau ab und suchte später nach Kunstwerken, die während der NS-Zeit verkauft wurden. Ihre Hartnäckigkeit zahlte sich aus: 1999 erhielt sie drei Werke von der Stiftung Preussischer Kulturbesitz restituiert, darunter Stücke von Vincent van Gogh und Hans von Marées. Ein weiteres bedeutendes Werk, das Gerta Silberberg forderte, war das Bild „Nähschule im Waisenhaus Amsterdam“ von Max Liebermann, das 2000 restituiert wurde. Die Rückforderung des Bildes „Thunersee mit Stockhornkette“ von Ferdinand Hodler blieb hingegen erfolglos, da es im Kunstmuseum St. Gallen verblieb.

Trotz dieser Erfolge wurde Gerta Silberbergs Engagement für die Restitution von vielen in der Öffentlichkeit nicht ausreichend anerkannt. Die Stiftung Bührle, die das Gemälde „La Sultane“ besitzt, gab 2025 eine „Vergleichslösung“ bekannt, die das Bild im Eigentum der Stiftung belässt. Die Stiftung relativierte zudem die Verfolgungsgeschichte der Familie Silberberg und stellte die finanzielle Notlage in Frage. Solche Aussagen werfen die Frage auf, wie die gesellschaftliche Wahrnehmung der Opfer des Nationalsozialismus heute aussieht.

Die Neupräsentation der Sammlung Bührle

Die Neupräsentation der umstrittenen Sammlung Bührle im Kunsthaus Zürich, die nun mit einem kritischen Blick auf die Herkunft des Reichtums von Emil Bührle und seiner Kunstsammlung konfrontiert wird, sollte ein Schritt in die richtige Richtung sein. Der wissenschaftliche Beirat trat jedoch kurz vor der Eröffnung zurück und kritisierte die Marginalisierung der Opfer des Nationalsozialismus. Die Ausstellung thematisiert unter anderem die Zwangsarbeit von jungen Frauen in Bührles Fabriken und widmet sich dem Schicksal jüdischer Sammler:innen. Ein Raum ist speziell für die Provenienzforschung des Gemäldes „La Sultane“ reserviert, das Bührle 1953 in New York erwarb, nachdem die Sammlung Silberberg im Zuge der NS-Verfolgung zerschlagen wurde.

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Leere Schubladen in der Ausstellung symbolisieren die noch laufende unabhängige Überprüfung der Provenienzen, doch die Ausstellung hat bislang keine neuen Erkenntnisse vermittelt oder eigene Forschungsfragen angeregt. Die neue Direktorin Ann Demeester betont, dass die Neupräsentation der Beginn eines langen Prozesses ist, während das Kunsthaus eine klare Position zu NS-entzogenen Kulturgütern vermeidet und auf einen Bericht des Historikers Raphael Gross verweist, der 2024 erwartet wird.

Provenienzforschung als Schlüssel zur Aufarbeitung

In Deutschland hat die Provenienzforschung seit den Washingtoner Prinzipien und der Gemeinsamen Erklärung an Bedeutung gewonnen. Zahlreiche Museen, Bibliotheken und öffentliche Einrichtungen haben begonnen, systematische Provenienzforschung zu betreiben, um die Herkunft von Kunstwerken und Kulturgütern zu untersuchen. Ziel dieser Forschung ist die Identifikation von NS-Raubgut und die Suche nach gerechten Lösungen, sei es durch Rückgaben, Rückkäufe oder andere Formen der Entschädigung.

Über 38.000 Kunstwerke, Bücher und Archivalien wurden seit den Washingtoner Prinzipien als NS-Raubgut identifiziert und zurückgegeben oder anderen Lösungen zugeführt. Dennoch bleiben viele Rückgaben im Verborgenen, da sie oft unter den Beteiligten privat ausgehandelt werden. Die Herausforderungen, mit denen Nachfahren von NS-Opfern konfrontiert sind, sowie die ungleiche Beweislast, die sie zu tragen haben, verdeutlichen die Notwendigkeit einer fortlaufenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit diesen Themen.

Die Geschichte von Gerta Silberberg und ihrer Familie ist ein eindringliches Beispiel für die anhaltenden Auswirkungen der NS-Zeit und die Herausforderungen, die mit der Restitution von Kunstwerken verbunden sind. Es ist eine Geschichte, die uns alle betrifft und die uns daran erinnert, wie wichtig es ist, die Vergangenheit aufzuarbeiten und den Opfern eine Stimme zu geben.