Auf dem Gelände der ehemaligen FDJ-Jugendhochschule am Bogensee, nicht weit von Wandlitz, steht sie, die Villa des Propagandaministers Joseph Goebbels. Ein Ort, der Geschichte geschrieben hat und nun in einem ganz anderen Licht betrachtet werden soll. Das Counter Extremism Projekt (CEP) hat große Pläne: Die Umwandlung dieser Villa in ein Zentrum zur Bekämpfung von Extremismus, Antisemitismus und Hasspropaganda. Ein mutiger Schritt, wenn man bedenkt, was der Ort einst war. Andreas Büttner, der erste Antisemitismusbeauftragte Brandenburgs, wird das CEP bei diesen Plänen fachlich unterstützen. In der Region gibt es viel zu tun.
Büttner stellte kürzlich seinen Tätigkeitsbericht im Landtag vor. Darin wird deutlich, wie brisant die Lage ist. Antisemitismus in Brandenburg hat ein alarmierendes Ausmaß erreicht. 235 der 273 antisemitischen Straftaten stammen aus dem rechten Spektrum. Lediglich vier Delikte wurden dem linken Spektrum zugeordnet. Das zeigt, wo das Hauptproblem liegt. Doch Büttner weist auch auf die subtilen Formen des Antisemitismus hin, die sich in linken akademischen Kreisen äußern. Oft wird dies als radikale Israel-Kritik oder Antizionismus verpackt.
Gestiegene Sichtbarkeit und neue Herausforderungen
Die Sichtbarkeit von Antisemitismus hat zugenommen, und das nicht unbedingt zum Guten. Insbesondere seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 ist der Judenhass in Brandenburg lauter und offener geworden. Büttner berichtet von einer Mutter, die sich Sorgen um die Sicherheit ihres jüdischen Sohnes macht. Auch jüdische Schüler fürchten Übergriffe im Schulalltag, was einfach nicht sein darf. Ein Vorfall am Flughafen BER, wo zwei Reisende auf dem Weg nach Tel Aviv antisemitisch beschimpft wurden, zeigt, dass das Problem nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch im Alltag präsent ist.
534 antisemitische Vorfälle wurden Büttners Büro zwischen Juni 2024 und Mai 2026 gemeldet, 116 davon wurden weitergeleitet. Es sind nicht nur Beleidigungen, sondern auch Bedrohungen und Angriffe auf jüdische Einrichtungen darunter. Viele Betroffene zögern, Vorfälle zu melden, weil sie fürchten, nicht ernst genommen zu werden. Diese Angst ist nachvollziehbar, denn oft bleibt die Gesellschaft untätig, während die Täter im Schatten agieren.
Ein Brandanschlag und die digitale Dimension
Ein besonders erschreckender Vorfall war der Brandanschlag auf Büttners Grundstück durch zwei Bekannte. Sie hinterließen ein rotes Hamas-Dreieck auf der Fassade – eine markante Botschaft, die zeigt, wie tief die Gräben in unserer Gesellschaft sind. Die Ermittlungen dauern an und zeigen, wie wichtig es ist, gegen solche Taten vorzugehen. In der heutigen Zeit wird die Bekämpfung des Antisemitismus auch zunehmend digital. Künstliche Intelligenz und soziale Medien wirken wie Brandbeschleuniger für antisemitisches Gedankengut. Büttner plant, die Bekämpfung des Antisemitismus stärker auf digitale Strategien auszurichten.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat in seinem aktualisierten Lagebild zu Antisemitismus festgestellt, dass die Zahl antisemitisch motivierter Gewalt in den letzten Jahren gestiegen ist. Dies hängt auch mit den gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen, die durch Ereignisse wie die Coronapandemie und den Gaza-Krieg verstärkt wurden. Antisemitische Verschwörungserzählungen fanden während der Pandemie breitere Zustimmung, und Extremisten nutzen den Konflikt im Nahen Osten, um ihre Agenda voranzutreiben.
Ein Aufruf zu mehr Aufmerksamkeit und Vernetzung
Andreas Büttner und sein Team arbeiten daran, staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure zu vernetzen, um gegen Antisemitismus vorzugehen. Brandenburgs Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke unterstützt ihn in seiner wichtigen Rolle und sieht keine Gefahr für sein Amt, trotz eines Vorfalls, der eine dienstrechtliche Prüfung nach sich zog. Solche Herausforderungen sind Teil des täglichen Kampfes, den Büttner für notwendig erachtet. Er ist überzeugt, dass wir gemeinsam gegen den Antisemitismus ankämpfen müssen – in der Gesellschaft, in der Politik und im digitalen Raum.
Die Villa in Wandlitz könnte bald ein Ort des Wandels werden. Die Verhandlungen mit der Gemeinde Wandlitz, dem Landkreis Barnim und dem Land Berlin stehen bevor. Ob die alte Jugendhochschule gerettet wird oder dem Abriss zum Opfer fällt, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch klar: Es braucht mehr als nur Worte, um dem Antisemitismus in Brandenburg Einhalt zu gebieten. Es braucht Engagement, Mut und die Bereitschaft, gegen den Strom zu schwimmen.