Erbe, Schatten und literarischer Druck: Anousch Muellers Reise durch die Vergangenheit
Heute ist der 13.07.2026 und während der Sommer in Königs Wusterhausen in vollem Gange ist, wird die literarische Szene durch die Gedanken und Werke von Anousch Mueller bereichert. Vor nicht allzu langer Zeit fand der Bachmannpreis-Wettbewerb in Klagenfurt statt, bei dem viele der eingereichten Texte sich mit dem komplexen Thema des Erbens auseinandersetzten. Diese Thematik hat auch Mueller inspiriert, denn ihr neuester Roman „Lori“ beleuchtet das Erbe auf eine sehr persönliche Weise.
Mueller, die 2013 selbst an diesem renommierten Wettbewerb teilgenommen hat, beobachtete die aktuellen Geschehnisse aus der Ferne. Ihre Erfahrung damals war alles andere als leicht – ein Gefühl, das viele Autoren nachempfinden können. „Lori“ ist nun ihr vierter Roman, und sie greift darin erneut das Thema Erben auf. Der Leser wird in die 1970er-Jahre der DDR entführt, um die Geschichte von Leni zu erleben, die Schwierigkeiten hat, das Erbe ihrer Familie zu begreifen. Auf den ersten Blick könnte man denken, es handelt sich um eine einfache Familientragödie, aber die tiefere Schicht sind die transgenerationalen Traumata und das Schweigen, das viele Familien prägt.
Ein Blick in die Vergangenheit
Die Familie Ross lebt in einem alten Bahnhof in Thüringen, und während eines Segeltörns auf der Ostsee kommt es zu einem Vorfall, der Lenis Vater ins Gefängnis bringt. Diese dramatischen Wendungen führen dazu, dass Leni, nach dem Mauerfall, mehr über ihre eigene Vergangenheit und die ihrer Familie erfahren möchte. Es geht um mehr als nur um Vermögen; es sind die Schatten der Geschichte, die darauf warten, beleuchtet zu werden. Mueller selbst hat einen Architekten als Vater, der während eines Fluchtversuchs festgenommen wurde – ein persönlicher Bezug, der dem Roman eine authentische Tiefe verleiht.
„Lori“ thematisiert nicht nur die familiären Traumata, sondern auch die ökonomischen Unterschiede zwischen Ost und West und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Leni reflektiert über die Lücken in ihrer Familiengeschichte, und die Leser können sich tief in die Gedankenwelt dieser Protagonistin hineinversetzen, die von Fragen und Unsicherheiten geprägt ist.
Ein literarischer Wettbewerb unter Druck
In Klagenfurt gab es in diesem Jahr auch einige aufsehenerregende Momente, die für Gesprächsstoff sorgten. Slata Roschal war die erste Autorin, die während des Wettbewerbs aufstand und den Raum verließ. Ihre Absicht war nicht, zu protestieren, sondern auf die teils prekäre soziale Lage von Schriftstellern hinzuweisen. In Zeiten, in denen Autoren in heftiger Konkurrenz zueinander stehen, wird oft übersehen, wie belastend diese Wettkämpfe sein können. Das Honorar von 1000 Euro für die Teilnahme am Bachmannpreis steht im krassen Gegensatz zu den üblichen 500 bis 600 Euro für Lesungen in Deutschland.
Ein weiteres interessantes Detail: Roschal und Caroline Rosales sahen sich mit Vorwürfen konfrontiert, dass ihre Texte bereits veröffentlicht worden seien, was gegen die Regeln des Wettbewerbs verstößt. Eine Überprüfung ergab jedoch, dass alles in Ordnung war. Diese Art von Unsicherheit ist nicht neu in der Welt der Literatur, und sie zeigt, wie viel Druck auf den Schultern der Autoren lastet.
Wie Gesche Heumann am Ende des dritten Lesetags mit ihrem nur zwei DIN A4-Seiten langen Text „Das tiefe Gesicht“ bewies, kann auch weniger manchmal mehr sein – es bleibt spannend, wie sich die nächsten Wettbewerbe entwickeln werden.
