Ein Grafiker zwischen den Zeiten: Andreas Nießens bewegtes Leben
In der ruhigen Ortschaft Kleinmachnow, gelegen am Rande Berlins, entfaltet sich eine beeindruckende Lebensgeschichte, die aufzeigt, wie Leben und Schicksale selbst in schwierigsten Zeiten miteinander verwoben sind. Im Mittelpunkt steht Andreas Nießen, geboren 1906 im Rheinland, ein Werbegrafiker, dessen Schicksal exemplarisch für das Schicksal vieler Menschen während des Nationalsozialismus steht. Möller thematisiert in seinem Buch „Am Rande Berlins lebt die Intelligenz“, das 2025 erscheint, die Herausforderungen, die Nießen und seine Familie durchleben mussten.
In den 1920er Jahren war Nießen als erfolgreicher Werbegrafiker tätig und leitete ab 1927 die Eigenwerbung des Berliner Zeitungsverlags Mosse. Doch die politische Wende brachte 1933 das unaufhaltsame Ende seiner Karriere: Ein Berufsverbot wurde nach der Scheidung von seiner jüdischen Frau Ella Mayer verhängt. Ella und die gemeinsame Tochter Eva flohen unter großem Risiko nach Amsterdam, was sie vor einer drohenden Deportation bewahren sollte. Währenddessen passte sich Nießen an das NS-Regime an und diente als Soldat bei der Wehrmacht. Man fragt sich, welchen Preis er für seine Anpassung zahlte. Laut jene.de versuchte er sogar, seine eigene Karriere bei Mosse zu schmälern und die Gründe für seine Entscheidungen gerechtfertigt darzustellen.
Ein Leben zwischen Anpassung und Widerstand
Die nationalsozialistische Hetze begann bereits am 1. April 1933 mit dem organisierte Terror gegen die jüdische Bevölkerung, als die Parole „Kauft nicht bei Juden!“ durch die Straßen hallte. SA- und SS-Kolonnen belehrten die Bevölkerung, und viele jüdische Geschäftstreibende wurden auf brutalste Weise diskriminiert. Diese Atmosphäre des Hasses und der Angst hinterließ auch bei Nießen und seiner Familie ihre Spuren. In seiner Zeit als Soldat konnte er immerhin dem Einsatz an der Ostfront durch seinen Platz in einer Propagandakompanie entkommen.
Nach dem Krieg begann für Nießen eine neue Lebensphase. Er zog nach Kleinmachnow, wo er als Gestalter für volkseigene Betriebe und DDR-Ministerien arbeitete, allerdings kam seine Karriere in der DDR nicht recht vom Fleck. Die Struktur des DDR-Systems fühlte sich für ihn oft drückend an, und seine Arbeiten wurden häufig als „unsozialistisch“ abgelehnt. Seine Lebensumstände führten zu einem Gefühl des Abseits, das er selbst als „Ghetto“ bezeichnete, weit weg von der staatlich geprägten Kunstszene, die in Ostdeutschland vorherrschte.
Das Erbe von Andreas Nießen
Die Verarbeitung der eigenen Geschichte war ein zentrales Thema in Nießens Leben. Trotz der Schwierigkeiten seiner ersten Ehe hielt er Kontakt zu Ella und Eva, was ihnen half, sich während der Deportation auszugeben. Doch über die Zeit zwischen 1933 und 1945 wurde in der Familie oft geschwiegen. Der Historiker Möller zieht aufregende Parallelen zwischen Niessens Aufstieg und Fall und dem Leben anderer Künstler seiner Zeit, etwa dem Schauspieler Heinz Rühmann, der ebenfalls durch seine Beziehung zu einer Jüdin in Bedrängnis geriet.
Nießens Geschichte steht als Beispiel für die Verstrickung von persönlichen Entscheidungen und politischem Druck in einer Zeit der Diktatur, die Vertrauen und Loyalität auf die Probe stellte. Seine Lebensspanne erstreckte sich von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus bis hin zur DDR und der Wiedervereinigung – fünf politische Systeme, die seine Entscheidungen und seine berufliche Laufbahn formten.
Möllers Buch beleuchtet nicht nur die Brüche, sondern auch die Kontinuitäten in Niessens Leben. Es ist ein Zeugnis über die Möglichkeiten und Herausforderungen, die mit einem Leben im Schatten autoritärer Regime verbunden sind. In einem Land, in dem der Einfluss dieser Systeme allgegenwärtig war, bleibt die Frage: Wie hat man ein „sehr deutsches Leben“ gelebt, ohne seine Menschlichkeit zu verlieren? Jüdische Allgemeine skizziert eindrucksvoll die Komplexität dieser Themen und hilft, die leisen Stimmen einer oft übersehenen Geschichte hörbar zu machen.
