Es ist ein schüchterner Dienstagabend im Juli 2026, als Sophie, 42 Jahre alt, in ihrer kleinen Wohnung in Werder (Havel) über ihr Leben nachdenkt. Erinnerungen an ihre ersten alkoholbedingten Probleme, die vor mehr als zwei Jahrzehnten begannen, kommen hoch. Anfang 20 war sie, als sie zum ersten Mal realisierte, dass das Glas Wein, das sie zur Entspannung genoss, mehr als nur ein gelegentlicher Begleiter war. Es war ein Weg, ihre innere Unruhe zu dämpfen, eine Flucht vor der chaotischen Gedankenwelt, die nie stillzustehen schien.

Die nächtlichen Ausflüge in die Bars wurden für Sophie zur Routine. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie ein Problem hatte. Trotz zahlreicher Versuche, sich von der Flasche zu lösen – sei es durch Entwöhnungen, Hypnose oder Online-Programme – schaffte sie es immer nur vorübergehend. Ein ständiger Kampf zwischen dem Wunsch nach Kontrolle und dem Druck des Suchtdrucks, der sie wie ein Schatten verfolgte. Sophie fühlte sich oft willensschwach, als würde sie sich selbst im Weg stehen. Vorwürfe quälten sie, bis sie 2026 die Diagnose ADHS erhielt. Diese Erkenntnis war wie ein Lichtstrahl in der Dunkelheit.

Der Schlüssel zur Selbstverständnis

Mit der Diagnose kam das Verständnis. Sophie erkannte, dass der Alkohol ihr half, die innere Unruhe zu besänftigen und ihre Gedanken zu ordnen. Gaby Guzek, eine Wissenschaftsjournalistin und selbst alkoholabhängig, bringt den Zusammenhang zwischen ADHS und Sucht auf den Punkt. Menschen mit ADHS haben oft einen chronischen Dopamin-Mangel, was sie anfälliger für Suchtmittel macht. Dies bestätigt auch die Erkenntnisse aus der Suchtforschung: Viele Menschen mit ADHS nutzen Substanzen wie Alkohol oder Cannabis als eine Art Selbstmedikation. Diese bewusste oder unbewusste Entscheidung kann schnell in eine Abhängigkeit münden.

Sophie ist seit zwei Monaten abstinent und spürt eine neue Zuversicht. Endlich hat sie gelernt, den Suchtdruck nicht als persönliches Versagen zu sehen, sondern als eine direkte Folge ihres Dopamin-Mangels. Das ist ein großer Schritt. Guzek betont in ihrem Buch über „Suchtrisiko ADHS“, dass viele Therapien bei ADHS-Betroffenen scheitern, weil sie die zugrunde liegende Störung nicht berücksichtigen. Ein Aufruf an Suchtambulanzen, ADHS-Tests in ihre Programme zu integrieren, ist dringend nötig.

Die Herausforderungen des Alltags

Doch was bedeutet das für den Alltag? ADHS ist nicht einfach nur ein Aufmerksamkeitsproblem. Es äußert sich oft durch Impulsivität, emotionale Überreagibilität und eine gewisse Desorganisation. Das macht es für Betroffene extrem schwierig, Belohnungen aufzuschieben – ein Risikofaktor für die Entwicklung von Suchtverhalten. Sophie hat erlebt, wie schnell man in eine Routine des Konsums rutschen kann, um den stressigen Alltag zu bewältigen. Alkohol wurde für sie zu einem „Hilfsmittel“, um soziale Hemmungen zu überwinden und innere Ruhe zu finden.

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Die Diagnose ADHS erfordert, dass Symptome bereits in der Kindheit vorhanden waren und nicht durch andere Störungen erklärbar sind. Für viele Erwachsene wird die Diagnose erst spät gestellt, was die Situation noch komplizierter macht. Medikamente wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin können helfen, auch wenn bereits eine Suchterkrankung vorliegt. Sie wirken über das dopaminerge System, doch die Wirkung entfaltet sich langsam und ohne das klassische Rauscherlebnis, was sie zu einer seriösen Option macht.

Sophie teilt ihre Geschichte

Um anderen zu helfen, teilt Sophie ihre Geschichte auf Instagram. Sie will Hoffnung geben und zeigen, dass es möglich ist, einen Weg aus der Abhängigkeit zu finden, wenn man die richtigen Werkzeuge hat. Ihre Reise ist noch lange nicht zu Ende, aber sie weiß jetzt, dass sie nicht allein ist. Ihre Botschaft ist klar: „Suchtdruck ist kein Zeichen von Willensschwäche. Es ist Teil eines größeren Bildes, das Verständnis und Mitgefühl erfordert.“

In einer Welt, in der das Verständnis für psychische Erkrankungen immer mehr in den Fokus rückt, ist Sophies Geschichte ein wertvoller Beitrag. Sie zeigt, wie wichtig es ist, die Zusammenhänge zwischen ADHS und Sucht zu erkennen und zu adressieren. Vielleicht kann ihr Weg auch anderen helfen, die im Dunkeln tappen, auf der Suche nach Licht und Stabilität.